
Der Galaterbrief ist der zornigste und kantigste Brief des Paulus. Gleich zu Beginn wirft er den Briefempfängern den Fehdehandschuh hin. Er vergeudet nämlich keine Zeit auf ein wohlwollendes Grußwort, wie es die gute Sitte gebot, sondern fällt mit der Tür ins Haus: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium.“
Was war geschehen? In den zwei Jahren, in denen Paulus seinen Missionsstützpunkt in Ephesus eingerichtet hatte, wurde ihm die Nachricht zugetragen, dass in den Gemeinden der Galater judenchristliche Lehrer mit einer ihm gegenüber kritischen Verkündigung aufgetreten waren. Die Galater waren eine versprengte keltische Bevölkerungsgruppe in der Gegend um das heutige Ankara. Dort hatte der Apostel auf seiner zweiten Missionsreise erfolgreich missioniert und Gemeinden hinterlassen.
Der Inhalt der gegnerischen Lehre war folgender: Christen bräuchten nicht nur die Bekehrung zu Christus, sondern danach ein lückenloses System an Ordnungen und Vorschriften für alle Bereiche des Lebens. Dieses System müsse man feierlich und verbindlich annehmen, indem man sich beschneiden lässt. Es geht also ganz zentral um das Thema „Freiheit“. Ist Freiheit orientierungsloses Dahinstolpern, das zwangsläufig zu Sünde, Willkür und Verirrung führt? Paulus sagt „Nein“: Wenn der Heilige Geist in uns ist und wir diesem Geist folgen, dann werden Kräfte wirksam, die unserer christlichen Freiheit von innen heraus eine Form geben, eine Form, die Gott ehrt und den Mitmenschen zum Besten dient. Diese Gestaltwerdung der Freiheit zerstört man, wenn man sie von außen in eine starre Gussform aus genauen Vorschriften zwängt. Viele Aussagen aus dem Galaterbrief finden sich ja in ruhigerem Ton im Römerbrief wieder. Aber es ist gerade jene kämpferische Furiosität, die den Galaterbrief für das Verständnis des Evangeliums unverzichtbar macht.
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