Paulus kam im Jahr 49 n. Chr. von Athen aus nach Korinth. Diese Hafenstadt war ein bedeutender Umschlagplatz zwischen Ost und West mit einer buntgemischten Bevölkerung, aber auch mit einem starken sozialen Gefälle; ihre Sittenlosigkeit war sprichwörtlich. Der Apostel baute dort in eineinhalb Jahren eine blühende Gemeinde auf. Sie blieb für ihn ein leuchtender Missionserfolg, zugleich aber eine erschöpfende Dauerbelastung. In drei Bereichen entstanden ständig neue Probleme:
(1) Es herrschten soziale Gegensätze in der Stadt, die sich auch in der Gemeinde widerspiegelten.
(2) Aus dem schrillen Religionsgemisch der Stadt wurde in die Gemeinde die Neigung vieler Menschen eingeschleppt, sich in extreme Hochgefühle aufzupeitschen.
(3) Ein dritter Problembereich entstand durch die Tendenz, Körper und Geist nicht als Einheit zu sehen. Folglich wurde es für den Glauben unwesentlich, was man mit seinem Körper machte. Es ergab sich daraus ein leichtfertiger Umgang mit Prostitution und Unzucht.
Paulus war stets gut informiert über die aktuellen Entwicklungen in Korinth. Der letzte Anstoß für den ersten Brief an die dortige Gemeinde kam, als ihm Bedienstete eines Gemeindemitglieds namens Chloe Anfragen zu einigen bedrängenden Problemen überbrachten. Gravierende sittliche Missstände waren eingetreten, die massive Streitigkeiten ausgelöst hatten: Es herrschte Unsicherheit über die Frage der Ehe oder Ehelosigkeit, über die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der heidnischen Umwelt. Im Gottesdienst kam es zu unwürdigen Zuständen und die Auferstehung der Toten wurde philosophisch uminterpretiert.
In seinem Brief behandelt Paulus eine Frage nach der anderen und an manchen Stellen findet man sogar wörtlich die Anfrage aus der Gemeinde wiederholt. In keinem anderen Paulusbrief erleben wir die Probleme einer fermentierenden und gleichzeitig ungefestigten, für alle Verführungen offenen Gemeinde so hautnah wie im 1. Korintherbrief. Das beweist, dass es nie eine „ideale Anfangszeit“ im Urchristentum gegeben hat.

Vorstellungstext 1. Korintherbrief (PDF) – HIER anklicken