Der Brief des Paulus an die Christengemeinde in Rom ist für die Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, von größter Bedeutung. Anders als z.B. die Briefe nach Korinth und an die Galater entstand er nicht in der Hitze aktueller Auseinandersetzungen, sondern in einer ruhigeren Phase. Der Streit mit den Korinthern, der tief ins Persönliche eingeschnitten und den Apostel viel Substanz gekostet hatte, war beigelegt. Paulus sah sich genötigt, den folgenden Winter in Korinth zu bleiben, da die Mittelmeerschifffahrt zu dieser Jahreszeit wegen der Stürme eingestellt wurde. Er hatte also den Kopf frei, um sich einem neuen Projekt zuzuwenden. Seine Vision war, nach Spanien zu reisen und dort zu missionieren. Dafür brauchte er die Unterstützung der Christen in Rom. Paulus war bei ihnen noch nicht persönlich bekannt und offenbar gab es ernste Vorbehalte gegen seine Lehre. Diese wollte er mit dem Römerbrief ausräumen. Der Inhalt des Briefes lässt auf drei umstrittene Themenbereiche schließen:
Erster Vorbehalt: Paulus leiste durch seine Verkündigung der unverdienten Gnade dem leichtfertigen Denken Vorschub, man könne einfach drauflos sündigen und hinterher die Gnade in Anspruch nehmen. In Antwort darauf stellte Paulus ausführlich seine Gnadenlehre dar (Kap. 1-5).
Zweiter Vorbehalt: Paulus schätze sein jüdisches Erbe gering (in Rom gab es viele Judenchristen). Um dem entgegenzutreten, schrieb Paulus Kap. 9-11. Darin betonte er die bleibende Würde und den heilsgeschichtlichen Vorrang Israels.
Dritter Vorbehalt: Paulus gäbe den Heidenchristen ethische Narrenfreiheit, wenn er lehrt, man brauche sich nicht mehr an die Gebote zu halten. In Erwiderung darauf erläuterte Paulus seine Lehre vom Leben im Heiligen Geist. Durch ihn erfüllen die Christen aus innerem Antrieb den tiefsten Sinn aller Gebote, nämlich die Liebe (Kap 6-8).
Im Schlussteil des Briefes (ab Kap. 12) erweist sich Paulus als umsichtiger Gemeindehirt, der konkrete Probleme der römischen Gemeinde anspricht und theologisch fundierte Lösungen aufzeigt.

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