Amos hat wie kein anderer Prophet der Bibel die Gottlosigkeit und Heuchelei des Volkes aus den wirtschaftlichen und sozialen, das heißt: politischen Verhältnissen abgelesen. Politisch schien die Zeit stabil, aber am Horizont hörte man bedrohliches Grollen. Assyrien wuchs zu einer aggressiven Großmacht heran. Die labile Lage wollte offenbar niemand ernst nehmen. In der 40-jährige Regentschaft Jerobeams II. war es zu einer Hochkonjunktur gekommen. Der religiöse Kultbetrieb hatte an der wirtschaftlichen Blüte teilgenommen. Man wollte ja ein Gegengewicht zu Jerusalem schaffen. Die Kehrseite war, dass das altisraelitische System des unverkäuflichen Erblandes für jede Familie ausgehebelt wurde. Dieses System hatte einen wirkungsvollen Damm gegen Verelendung von ganzen Bevölkerungsschichten gebildet. Aber nun hatten neue, frühkapitalistische Strukturen übernommen. Amos durchschaut alle diese Entwicklungen als Frucht der Gottlosigkeit.

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